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Liebe Freunde,

Viele von Euch/Ihnen sehen, hören und lesen in den Medien über blutige Ereignisse, die in

jüngster Zeit mancherorts in Syrien geschehen sind. Was viele ältere Menschen in der

syrischen Bevölkerung und so manche Christen und andere Minderheiten seit dem

politischen Umsturz befürchtet haben, hat sich vor Kurzem leider bewahrheitet, – ein Land

im Chaos. Es gibt zwar einen (selbsternannten) „vorläufigen“ Präsidenten und eine

Übergangsregierung, die vom Präsidenten eingesetzt wurde und mit Ausnahme einer

einzigen Frau ausschließlich aus jungen Männern besteht, aber es gibt noch keine offizielle

Armee, keine geregelte Polizei, keine funktionierenden Gerichte. Die alte Verfassung wurde

ersatzlos aufgelöst, viele Staatsangestellte wurden von heute auf morgen entlassen. Die

Staatskontrolle fehlt in vielen Bereichen. Die neue, unerfahrene Regierung will sich

behaupten und zeigen, dass sie regierungsfähig ist. Leider ist das nicht so gelungen wie

erhofft.

Viele Gruppierungen haben die Waffen nicht niedergelegt, weder die Kurden in Osteuphrat,

noch die Drusen im Süden und auch nicht die Alawiten (eine islamische Konfession, die von

Sunniten bedrängt wird) an der Küste. Aus dem Küstengebiet kamen viele Offiziere der alten

Armee. Sie haben ihre Waffen nicht abgegeben und sie wurden abrupt entlassen ohne

jegliche Gehälter zum weiteren Überleben. In diesem Gebiet gibt es auch viele Christen

diverser Konfessionen, überwiegend Orthodoxe.

Die zuletzt unterdrückten Alawiten haben gegen die Regierung rebelliert und haben

Regierungssoldaten in Fallen gelockt und ermordet. Die Kämpfer der Regierung haben zum

Kampf („Jihad“) gegen die „Überbleibsel“ (arab. „Fulul“) des alten Regimes aufgerufen. Viele

Videos von Hasspredigern zirkulierten in den sogenannten sozialen Medien. Daraufhin

kamen Kämpfer aus den unkontrollierten bewaffneten Brigaden (arab. „Fassa’el“), darunter

offenkundig viele ausländische Söldner und ermordeten wahllos Menschen in vielen

Gebieten in Latakia, Baniyas und Dschable. Sie waren sogar stolz darauf und haben ihre

Gräueltaten in Videos aufgenommen. In diesen Videos sind allerdings die Anhänger der

alten Armee gar nicht zu sehen. Bei den getöteten Menschen handelt es sich um Kinder,

Frauen, Verkrüppelte. Auch Christen wurden ermordet, nicht weil sie Christen sind, sondern

weil sie in Gebieten leben, in denen auch Alawiten wohnen. Nachdem sie die Menschen

ermorden, plündern sie ihre Häuser aus und stellen diese Taten triumphierend zur Schau.

Mitten in diesem blutigem Gemetzel, das von der ganzen Welt mit Entsetzen

wahrgenommen wird, mitten in der Trauer, der Verzweiflung, der Wut und weiteren

Vergeltungs- und Rachegefühlen erreichte die Menschen am Montag, den 10. März 2025,

plötzlich und überraschend eine Nachricht, die für viel Erleichterung in der Bevölkerung

sorgt, nämlich, dass Präsident Al-Scharaa ein Abkommen mit dem Anführer der Kurden in

Osteuphrat, Mazloum Abadi, geschlossen hat, das die Zusammenfügung aller militärischen

und zivilen Gruppen von beiden Seiten vorsieht. Im Gegenzug müssen die Rechte aller

syrischen Bürger und Bürgerinnen auf Teilnahme an der Regierung und am politischen

Geschehen, je nach ihren Fähigkeiten garantiert werden. Ein Dokument bestehend aus acht

Paragrafen, das von der Mehrheit der Bevölkerung begrüßt wird, von den Christen sowieso.

Einige Politiker in Syrien meinen, dass dieses Dokument als Grundlage für die künftigeVerfassung dienen könnte. Andere vermuten dahinter eine Art Ablenkungsmanöver von den

blutigen Verbrechen im Küstengebiet. Es wird vermutet, dass die USA damit zu tun hat.

Auch die Türkei wurde dazu gedrängt, diese Initiative zu befürworten. Die Ziele dabei

scheinen rein politischer Natur zu sein.

Seit 11. März 2025 laufen Verhandlungen mit den Drusen im Süden. Alles deutet auf eine

Beruhigung hin. Dennoch bleiben viele Menschen, auch vielen ChristInnen etwas skeptisch

und misstrauisch. Bis jetzt hat man noch nichts gesehen von den versprochenen Reformen

der neuen Regierung und von der oftmals erwähnten Rückkehr der Flüchtlinge zum

Wiederaufbau des Landes. Das Leben in Syrien ist in den letzten Monaten noch viel

schlimmer geworden. Die Armut wächst und wächst, es gibt kaum Arbeitsplätze.

Hunderttausende Beamte und Staatsbedienstete wurden entlassen. Viele Personen in

höheren Posten wurden degradiert. Die arbeitslosen Menschen müssen es irgendwie

schaffen, ohne Einkommen zu überleben. Sehr schlimm ist es für jene mit chronischen

Erkrankungen. Die Lebensumstände sind in jeder Hinsicht prekär. Wenig Strom, viele

Händler an den Straßenrändern, die günstigere Waren aus der Türkei anbieten. Die

Geschäfte verkaufen wenig und sie müssen davon noch Steuern abführen. Das zwingt

immer mehr Händler, ihre Geschäfte zu schließen.

Ich bekomme jetzt mehr Anrufe als je zuvor aus Syrien mit der ständigen Frage: Wie können

wir nach Europa kommen? Für viele Menschen, gerade für Christen, sind diese durch die

Revolution neu entstandenen Umstände kaum noch zu ertragen. Aber aus meiner Sicht ist

es absurd, ins Ausland abzuwandern. Wenn jemand heute sein Haus verlässt, wird dieses

Haus am nächsten Tag ausgeplündert, einerseits von der Nachbarschaft und andererseits

auch von den skrupellosen Kämpfern.

Ich habe einige meiner Freunde gefragt, was getan werden muss für die Christen, damit sie

in Syrien überleben können. Die meisten antworten spontan: Nur die Barmherzigkeit Gottes

kann uns in dieser Situation noch retten.

Ich persönlich erfahre diese Barmherzigkeit Gottes durch jene Menschen, die gerne helfen

aus reiner Nächstenliebe. Diese gibt es Gott sei Dank. Auf solche Menschen setze ich nach

wie vor große Hoffnung.

Meiner Überzeugung nach bietet gerade diese herausfordernde Situation eine Chance für

Christen, zu zeigen, dass Christus wahrhaft der Retter aus der Misere ist. Die Christen sollen

nicht fliehen, sondern ihren hilfsbedürftigen Mitmenschen barmherzig beistehen. Es gibt

viele gute Projekte, die in dieser Notsituation Perspektiven eröffnen können. Ein

vielversprechendes Projekt dieser Art wäre der Aufbau von mehreren Sozialmärkten

(SOMAs). Dieses Projekt möchte ich Ihnen/Euch in einem baldigen Brief vorstellen.

Bis dahin wünsche ich Euch/Ihnen eine gesegnete Fastenzeit und bitte Euch/Sie alle, die

Menschen in Syrien ins Gebet einzuschließen.

Euer/Ihr

P. Hanna Ghoneim Wien, am 13. März 2025